Mit der Rückbesinnung auf die trachtige Tradition, auf Dirndl und Lederhosn, kam 2010 die Oide Wiesn. Ursprünglich als einmalige Jubiläumsveranstaltung zum 200. Geburtstag des Oktoberfests geplant, haben sich die Münchner sofort in sie verliebt. Warum sie das taten – und warum die Oide Wiesn heute in drei von vier Jahren fester Bestandteil des großen Volksfestes unterhalb der Bavaria ist –, das ist einfach erklärt. Die Oide Wiesn heißt nicht nur so, sie repräsentiert das gute Alte. Wird es zwischen dem Festzelt Tradition, dem Herzkasperlfestzelt und der Schönheitskönigin zu voll, dann schließt die Oide Wiesn ihre Tore ganz einfach. Kein Gedrängel, keine Pöbeleien. Hier können Oma und Opa mit ihren Enkeln kommen, zusammen Spaß haben – und dabei ganz sicher fühlen.

Zwar kostet die Oide Wiesn Eintritt, drei Euro pro Person (für Kinder bis 14 Jahre ist der Zugang umsonst), dafür sind die Preise drinnen umso moderater. Fahrgeschäfte kosten zum Beispiel alle nur einen Euro. Und was es für schöne davon gibt, die die Kinderaugen glänzen lassen. Zum Beispiel den „Kettenflieger Kalb“ aus dem Jahre 1919, dazu Schiffsschaukel und Kinderkarussells und Wurf- und Schießbuden, und, und, und. Die Leut sind nett zueinander und nehmen Rücksicht. Was gibt es Schöneres, als an einem sonnigen Tag auf der Oidn Wiesn beim nostalgischen „Alpenhaus“ süße Schmankerl zu genießen – so wie sie in den 50er-Jahren geschmeckt haben? Hmmm!

Gleiches lässt sich über die Bierkultur auf der „Oidn“ sagen. Im Festzelt Tradition wird das Augustiner im Keferloher ausgeschenkt, das sind Tonkrüge, die das Bier länger kühlen und ganz besonders süffig schmecken lassen. Mitten im Zelt ist ein Tanzboden aufgebaut, auf dem Volkstanzgruppen, vorzugsweise aus dem Oberland, ihr Können zeigen. Hier gibt’s keine dröhnenden Schunkelbässe, dafür spielt ganz zünftig die Blasmusi. Hier könnte die Zeit stehengeblieben sein, aber nein, die zahlreichen Gäste genießen ihre traditionelle Wiesn ganz im Hier und Jetzt.

Einen Besuch wert ist auch das Herzkasperlfestzelt, geführt von Josef „Beppi“ Bachmaier, der seit den 70er-Jahren im Münchner Glockenbachviertel die Gaststätte „Zum Fraunhofer“ betreibt – inklusive angeschlossenem Theater gleich nebenan. Diese Idee findet sich im „Herzkasperl“ wieder, wo in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Stadt eine ganz besondere Mischung aus Musik, Theater, Kabarett und Literatur dargeboten wird. Kein Wunder, dass dieses Zelt vor allem bei Künstlern und – es gibt sie tatsächlich heute noch – Münchner Bohemiens beliebt ist. Angeschickerte Touris sind hier dagegen eher selten anzutreffen.

Wer kulinarisch eine Reise in die Vergangenheit unternehmen will, der ist in der Schönheitskönigin goldrichtig. Hier stehen auf der Mittagskarte noch Spezialitäten aus der „Münchner Kronfleischküch“: Kesselfleisch, Kalbslüngerl oder das Kronfleisch, bei dem es sich um Rinderzwerchfell handelt. Wem das zu exotisch ist, der kann aber auch ganz konventionell zum halben Hendl oder zum Schweinsbraten greifen. Satt werden tut jeder in Schönheitskönigin. Eher stellt sich die Frage, ob der Gast bei den vielen Schmankerln am nächsten Tag noch ins Dirndl oder die Lederhosn passt.

Kein Zweifel, die Oide Wiesn ist der perfekte Platz für den entschleunigten Wiesnbesuch. Nicht, dass es hier einsam wäre, nein, so früh schließen die Eingänge nun auch wieder nicht, aber man ist unter Seinesgleichen – und hat Platz zum urigen Genießen. Prost!

Und wer auch hier nach Zeltschluss weiterfeiern möchte bucht am besten Tickets für die After Wiesn Party im Löwenbräukeller.